Mai 2026 | Taroskop

Seit Jahresbeginn haben sich durchwegs Monatsarchetypen gezeigt, die eine starke Widder Energie hatten. Der Krieger eröffnete das Thema für den Januar und der Kriegsausbruch ließ nicht lange auf sich warten. Recht überraschend zeigte er sich sturmartig im März. Februar und April zeigten sich hingegen maskiert. Die Maske steht symbolisch für die Persona, das Gesicht, das wir mit dem Betreten der Welt derselben zeigen. Im Mai betritt der venusische Archetyp des Liebenden die Bühne des kollektiven Bewusstseins, wobei auch dieser letztlich nur der Schatten des Widders ist.

Kim Krans (2019). The Wild Unknown Archetypes

Man muss sich jedes Sternzeichen mit einem inneren Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten vorstellen. Jede Idee hat seine Licht- und seine Schattenseiten. Gleichzeitig stellt jedes Sternzeichen selbst auch das Ende eines äußeren Spektrums dar. Ich möchte das beispielhaft am Archetyp des Liebenden erklären.

Wenn wir uns das “innere Spektrum” des Liebenden ansehen, dann können wir sagen, dass sich die höchst schwingende Ausdrucksmöglichkeit des Liebenden in einer klassischen Paarkonstellation als eine Person zeigen könnte, die sich frei von Zwang und Kontrolle, ängstlicher Bindung und im Vertrauen auf eine andere Person bezieht. Eine niedrig schwingende Ausdrucksmöglichkeit ist das genaue Gegenteil davon. Das “äußere Spektrum” hingegen positioniert den Liebenden auf der einen Seite des Spektrums, während es den oder die Selbstbezogene(n), oder von mir aus den sogenannten “Single”, auf der anderen Seite des Spektrums platziert.

Wir alle bewegen uns auf diesen inneren und äußeren Spektren in der Welt und versuchen (bewusst und/oder unbewusst) unsere Einzelinteressen mit den Interessen, Bedürfnissen, Wünschen und Ansprüchen unserer Mitmenschen (nicht) in Einklang zu bringen. Wenn das nicht gelingt, wird es oft als Versagen oder als Unglück gedeutet. Die Wege des Herren sind nun aber viel zu unergründlich und das Individuum an und für sich viel zu komplex, als dass man sagen könnte, wann was wie viel und in welchem Ausmaß angebracht wäre, weswegen ich im Mai die These aufstelle, dass der Ausgangspunkt nie beim Liebenden, sondern beim Einzelnen liegt.

Kim Krans (2016). The Wild Unknown Tarot.

Die 9 der Stäbe (links) zeigen uns, dass wir uns als Liebende sowohl in, als auch außerhalb unserer Beziehungen abgemüht haben. Inzwischen hat sich eine gewisse Erschöpfung und Müdigkeit breit gemacht. Niemandem sei der nur allzu menschliche Wunsch nach Verbindung und Zweisamkeit ausgeredet. Wir brauchen einander, aber wir werden so lange einander gebraucht haben, bis das Ende der Stufen und damit das Innere unseres Selbst (der Mond im Bild der 9 Stäbe) erreicht wurde. Dort erwartet uns die Frage: “Und was ist mit mir?”

Der Herrscher (Mitte) verlangt nach Autonomie und Souveränität. Er will eigenständige Entscheidungen treffen, Platz einnehmen, ernst genommen werden und neue Wege beschreiten (Ass der Münzen). Er oder sie will sich selbst neu erfahren, ausdrücken, gesehen und wahrgenommen werden und das funktioniert wiederum so lange gut, bis das Pendel wieder zurück in Richtung des Liebenden schwingt, oder auch nicht. Manche entscheiden sich für den Weg des Einzelnen und wollen dann nicht mehr zurück. Und so bewegen wir uns alle auf den Enden unserer innerer und äußeren Spektren, bis dass der Tod uns letztlich scheidet.


Weitere Interpretations- und Ausdrucksmöglichkeiten:

Das Sternzeichen “Widder” // Alarmglocken, Sirenen, Warnsignale bzw. etwas erfordert massive Aufmerksamkeit // persönliche Entwicklungs- und Anpassungsfähigkeit kultivieren // Libellen // Pegasus (vgl. Jahr des Feuer-Pferdes bzw. Fabelwesen) // Hochzeitsglocken // Hingabe, Loyalität und ewige Liebe für eine Sache, einen Menschen // Gemächlichkeit, Bequemlichkeit, Entschleunigung // sich nicht aus der Ruhe bringen lassen // Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen // Nicht aufgeben! // Haltung bewahren // (spirituelle) Kraft und Ausdauer // Kriegsverletzungen // ein “verletzter” Herrscher // ein militärischer Oberbefehlshaber mit seinem Heer // Friedrich Merz // militärische Mobilisierungsaktionen // jemand hat die Absicht etwas zu materialisieren // Lösungsoptionen für anhaltende Probleme zeigen sich // Urlaubs- und Reiseplanung // friedliche Absichten // das Leben nicht als Wettkampf sehen, sondern als Marathon // Kraftreserven portionieren // etc.


Khalil Gibran

Von Vernunft und Leidenschaft

Und wieder sprach die Priesterin: Sprich uns von der Vernunft und von der Leidenschaft.

Und er antwortete und sagte:

Eure Seele ist oft ein Schlachtfeld, auf dem eure Vernunft und euer Verstand Krieg gegen eure Leidenschaft und eure Gelüste führen. Könnte ich der Friedensstifter in eurer Seele sein und den Missklang und die Zwietracht eurer Wesen in Einklang und Harmonie verwandeln!

Aber wie kann ich das, wenn ihr nicht selber auch Friedensstifter seid, nein, mehr noch, euer ganzes Wesen liebt?

Eure Vernunft und eure Leidenschaft sind das Ruder und die Segel eurer seefahrenden Seele. Wenn eure Segel oder Ruder brechen, könnt ihr nur noch schlingern und treiben oder auf hoher See festgehalten werden.

Denn die Vernunft ist, wenn sie allein waltet, eine einengende Kraft; und unbewacht ist die Leidenschaft eine Flamme, die bis zur Selbstzerstörung brennt. Daher lasst die Seele eure Vernunft auf den Gipfel der Leidenschaft heben, damit sie singt; Und lasst sie eure Leidenschaft mit Vernunft lenken, damit eure Leidenschaft ihre tägliche Auferstehung erlebt und sich wie der Phönix aus der Asche erhebt.

Ich wollte, ihr betrachtetet euren Verstand und eure Gelüste wie zwei geliebte Gäste in eurem Haus. Sicher würdet ihr einen Gast nicht mehr ehren als den anderen; denn wer den einen mehr beachtet, verliert die Liebe und das Vertrauen beider. Wenn ihr zwischen den Hügeln im kühlen Schatten der weißen Pappeln sitzt und am Frieden und der Heiterkeit der Felder und Wiesen teilhabt - dann lasst euer Herz schweigend sagen: “Gott ruht in der Vernunft.”

Und wenn der Sturm kommt und der mächtige Wind den Wald erschüttert und Donner und Blitz die Erhabenheit des Himmels verkünden - dann lasst euer Herz in Ehrfurcht sagen: “Gott bewegt sich in der Leidenschaft.”

Und da ihr ein Atemzug in Gottes Sphäre seid und ein Blatt in Gottes Wald, sollt auch ihr in der Vernunft ruhen und in der Leidenschaft euch regen.

in: “Der Prophet” (2013), 2. Auflage

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