Widerstand im Weltenbrand
Die aktuelle Weltpolitik macht mich betroffen. Zum Glück betrifft sie mich nicht persönlich in dem Sinne (obwohl das in der Vergangenheit auch schon der Fall war), aber ich habe gegenwärtig Menschen - Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen - in meiner Umgebung, die tatsächlich direkt mit der weltweiten Realität der derzeitigen Geschehnisse n akut konfrontiert sind.
Eine Person hörte tagelang nichts von ihren Angehörigen im Iran. Es hätte kein Internet gegeben und sie wusste nicht, ob die Angehörigen noch leben würden oder ob sie “nur” kein Netz hätten. Die Eltern einer anderen Person sitzen tagtäglich eingebunkert in der Ukraine, weil ihre Häuser und Dörfer tagtäglich bombardiert werden. Andere wiederum wissen ihre Angehörigen mittlerweile zumindest in Sicherheit, während der Bürgerkrieg im Sudan immer noch tobt und wütet, auch wenn sich niemand dafür zu interessieren scheint. Bei anderen Personen wiederum beobachte ich welche langwierigen psychologischen Konsequenzen Kriegserfahrungen nach sich ziehen können, auch wenn der Krieg schon Jahrzehnte hinter ihnen liegt.
Alle diese Menschen haben eines gemeinsam: Sie gehen jeden Tag zur Arbeit. Sie kümmern sich um ihre täglichen Verpflichtungen. Sie kümmern sich um ihre Mitmenschen. Sie lachen und lächeln die meiste Zeit. Sie sind freundlich und hilfsbereit, obwohl ihnen vermutlich alles Andere als zum Lachen zumute ist. Ich versuche mir das immer wieder vor Augen zu halten.
Das Leben geht ja weiter, so sagen die meisten jedenfalls. Das stimmt auch. Das Rad des Schicksals bewegt sich fortwährend und wir bewegen uns mit ihm mit. Diesen Grundgedanken sah ich neulich in einer Traumsequenz widergespiegelt, die sich mir rund um den letzten Kriegsausbruch zeigte. Ich saß in einem Auto und fuhr eine Straße entlang. Die gesamte Szenerie habe ich düster und schwarz-grau in Erinnerung. Als ich rechts blickte sah ich ein brennendes Gebäude.
Dieses Gebäude musste erst kürzlich angegriffen worden sein, die Flammen waren riesig und lodernd. Es war ein brennendes Hochhaus. Am unteren Ende des Hochhauses stand ein Jongleur, den ich in Farbe sah - also in Kontrast zur Hintergrundszenerie. Mittlerweile brauche ich selbst keine weitreichenden Überlegungen und keine großartigen Recherchen mehr anzustellen, was “der Jongleur vor dem brennenden Gebäude” als Traummotiv bedeuten könnte. Ich bin gerade erschrocken darüber wie gut das die Künstliche Intelligenz schon ganz von alleine schafft. Hier lese ich beispielsweise (via Co-Pilot), dass es sich dabei um ein “fast surreal-apokalyptisches Bild” handelt, das “zwei völlig unterschiedliche seelische Energien nebeneinander zeigen: Zerstörung und spielerische Kontrolle”.
Ja, klar. Das war auch die Interpretation meiner Analytikerin, die zum Ende unserer letzten Stunde bemerkte ich hätte den Traum für das Kollektiv geträumt, also für uns alle. Der Traum könnte nämlich als eine Erinnerung dafür gesehen werden, dass uns in Zeiten des Chaos und der Zerstörung manchmal nicht Anderes übrig bleibt als einen spielerischen (“jonglierenden”) Umgang mit der Realität der blutigen Tatsachen zu finden oder, wie ich sagen würde, “kreativen Widerstand” zu leisten - was auch immer “kreativ” oder “spielerisch” für den oder die Einzelne im alltäglichen Kontext bedeuten mag oder für den globalen historischen Kontext gesprochen, im Informations-, Technologie- und Digitalisierungszeitalter noch bedeuten werden wird.